etruskische Religion: Götterwille, Blitzlehre und Leberschau

etruskische Religion: Götterwille, Blitzlehre und Leberschau
 
»Nach den Schriften der Etrusker sollen neun Götter Blitze schleudern, wobei es sich um elf Arten handle; denn Jupiter alleine schleudere dabei deren drei. .. In Etrurien glaubt man auch, dass Blitze aus der Erde hervorbrechen und nennt sie unterirdische, die zur Zeit der Wintersonnenwende entstünden und am meisten schrecklich und verderbenbringend seien. .. Durch einen solchen Blitz wurde Volsinii, die reichste Stadt der Etrusker, ganz niedergebrannt. - Familienblitze nennt man solche, die für das ganze Leben bedeutsam sind und welche dem, der eine Familie gründet, zuerst erscheinen. Im übrigen meinen sie, dass die Vorbedeutungen der Blitze in Privatangelegenheiten nicht länger als zehn Jahre gelten, außer, wenn sie bei der Gründung eines eigenen Hausstandes oder am Geburtstag erscheinen; bei den Staatsblitzen gälten sie nicht länger als dreißig Jahre, ausgenommen bei der Anlage einer neuen Stadt. - In den Annalen gibt es die Überlieferung, dass durch bestimmte heilige Handlungen und Gebete Blitze beeinflusst oder erbeten werden können. In Etrurien lautet eine alte Sage, man habe einen Blitz gewonnen, als einst ein Ungeheuer, Volta genannt, nach Verwüstung der Felder sich der Stadt Volsinii näherte, und dieser Blitz sei durch deren König Porsenna herbeigerufen worden«.
 
Diese Bemerkungen von Plinius dem Älteren in seiner Naturgeschichte (Buch 2) unterstreichen, welch fundamentalen Stellenwert die Blitzdeutung in Etrurien, zum Teil auch noch bei den Römern der Kaiserzeit besaß. Blitze galten als sichtbarster Ausdruck des Götterwillens in deren Kommunikation mit den Menschen. Richtung, Stärke, Farbe und Wirkung der Blitze gaben Auskunft über das Schicksal von Einzelpersonen, von Familien, Städten, aber auch des gesamten Staatswesens. Dabei lag die Initiative keineswegs allein bei den Göttern, wie die Episode mit dem Ungeheuer Volta lehrt: Es bestand die Überzeugung, dass etruskische Könige und Priester die Fähigkeit besaßen, bestimmte Blitze herbeizurufen, das heißt die Götter zum Entsenden von Blitzen zu bewegen und damit selbst und gezielt auf das irdische Leben einzuwirken.
 
Ein anderes Medium, durch das die etruskischen Priester, die Haruspizes, mit den Göttern kommunizierten, war die Leberschau (Haruspizien). Dies geschah anhand der Oberflächenbeobachtung von frischen Tierlebern, besonders von Schafen. Das Bronzemodell einer solchen Schafsleber wurde 1877 in einem Acker bei Piacenza gefunden. Es bildet bis heute das wichtigste archäologische Dokument zur etruskischen Religion, da die Unterseite der Leber durch Ritzungen in zahlreiche Einzelfelder eingeteilt und diese wiederum mit den Namen etruskischer Gottheiten versehen sind. Von Bedeutung sind dabei vor allem sechzehn Felder des äußeren Randes; denn sie entsprachen sowohl in ihrer Anzahl als auch in der Nennung und Anordnung von Götternamen der etruskischen Vorstellung von der Gliederung des Himmels in ebenfalls sechzehn Felder, wobei der Einteilung ein genordetes Achsenkreuz in einem Kreis als Basis dient, dessen vier Teile jeweils wieder gevierteilt sind. In diesen 16 Himmelssegmenten wohnen die Götter in strenger hierarchischer Anordnung, und sie wirken von dort aus auf die Erde ein. Dabei spiegelt sich diese Himmelseinteilung im irdischen Bereich vielfach wider, etwa bei der Anlage einer Stadt mit sich kreuzenden Hauptstraßen (lateinisch »cardo« und »decumanus«) oder der Orientierung von Gräbern und Tempeln. Entsprechendes gilt für die Tierleber, hier allerdings durch unmittelbare Äußerungen der Götter durch Verfärbungen oder Abweichungen der Leberoberfläche gegenüber dem Normalzustand. Diese Veränderungen wurden von den Priestern festgestellt und bewertet. Dabei besaßen die etruskischen Haruspizes, anders als ihre römischen Kollegen, die den Göttern nur Zustimmung oder Ablehnung entlocken konnten, offenbar das Vermögen zu einer Kontaktnahme in Hinblick auf zukünftige Ereignisse, die sowohl das Schicksal Einzelner wie auch das des Staates betreffen konnten.
 
Aufgrund dieser ihnen zugeschriebenen besonderen Fähigkeiten, die ferner durch genaue Naturbeobachtung und deren Deutung ergänzt wurde, besaßen die etruskischen Priester Macht und Ansehen, und es wird verständlich, warum sie allein es waren, die den Untergang des Etruskertums im 1. Jahrhundert v. Chr. überlebten. So besaß etwa Caesar seinen eigenen »Hausastrologen«, dessen etruskischer Name Spurina auf ein führendes Adelsgeschlecht aus Tarquinia verweist und damit die Überlieferung bestätigt, dass sich der Priesternachwuchs aus den Adelsfamilien rekrutierte. Noch in der römischen Kaiserzeit ist für Tarquinia ein Kollegium von 40 Haruspizes bezeugt.
 
Tarquinia galt überdies als älteste Stadt, und hier lagen auch die Anfänge der etruskischen Religion. Einst soll ein Bauer beim Pflügen seines Ackers auf ein kindliches Wesen mit greisenhaftem Kopf gestoßen sein. Dieses, Tages genannt, habe ihm sowie den herbeieilenden Bewohnern der Stadt, darunter dem König Tarchon, die wesentlichen Elemente der etruskischen Religion offenbart. Möglicherweise nimmt die Darstellung auf einem Spiegel aus Tuscania auf den Gründungsmythos von Tarquinia Bezug. Als »etruskische Disziplin« (lateinisch »disciplina etrusca«) bezeichnet, wurde die Offenbarung des Tages aufgezeichnet, vererbt und ergänzt. Sie enthielt das gesamte religiöse Wissen der Etrusker einschließlich der Opferituale und wurde von den Priestern der Adelsgeschlechter gehütet. Im frühen 1. Jahrhundert v. Chr. fertigte ein gewisser Tarquitius Priscus eine Übersetzung ins Lateinische an. Obwohl auch diese nicht überliefert ist und ihr Inhalt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, drang manches nach außen und blieb Gegenstand gelehrter Diskussion, die erst mit dem vollständigen Sieg des Christentums in der Spätantike erlosch.
 
Prof. Dr. Friedhelm Prayon
 
 
Die Etrusker. Kunst und Geschichte, bearbeitet von Maja Sprenger. Aufnahmen von Max und Albert Hirmer. München 1977.
 
Die Etrusker, Texte von Mauro Cristofani u. a. Sonderausgabe Stuttgart u. a. 1995.
 Pallottino, Massimo: Etruskologie. Geschichte und Kultur der Etrusker. Aus dem Italienischen von Stephan Steingräber. Basel u. a. 1988.
 Prayon, Friedhelm: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst. München 1996.

Universal-Lexikon. 2012.

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